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Während der Fahrt überkam mich das Gefühl, als ließe ich das gerade Vergangene hinter mir, und je weiter die Bahn sich entfernte von meiner Heimatstadt, desto ruhiger wurde ich innerlich. Leipzig – es gab so viele Erinnerungen, die ich verband mit diesem Namen, das Studium meines Bruders etwa und meine Besuche bei ihm, die Jahre im Thomanerchor, die Harmonien der Musik und die Zwänge des Schwarzen Bretts, das Holpern des Ladas und später des Saporoschs über die nicht recht in Stand gehaltene Autobahn nach Haus oder zurück ins Internat. Und immer wieder, fuhr ich per S-Bahn die sachte Kurve vor den Toren der Stadt, bot sich dar am Fenster deren Silhouette, der Weisheitszahn und das Wintergartenhochhaus mit dem sich langsam drehenden Doppel-M als Messesymbol, der Rathausturm oder die Rundbögen des weitläufigen Hauptbahnhofs, die seit dem Bau des City-Tunnels nun weichen der Dunkelheit, reist man auf diesem Wege in ihr Herz hinein.

Fortsetzung folgt

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Nach dem Aufenthalt bei meinem Bruder stand ich also erst einmal wieder auf der Straße. Ihm zwar versichert, schon irgendwie unter zu kommen, wusste ich im Grunde ja doch nicht, wo ich sollte die Nächte verbringen. Der lästige und laute Rollkoffer mit meinen sieben Sachen war bei einer Freundin unterzustellen, doch meinen insgeheim gehegten Wunsch nach einer Übernachtung zumindest für ein paar wenige Tage verbat ich mir, als ich dann schließlich vor ihr stand. Sich aufzudrängen nun, wo das Kind war in den Brunnen gefallen, fühlte sich nicht richtig an, zumal doch gerade sie immer davor hatte gewarnt, die Sache mit der Miete durchzuziehen. Meinen Kopf durchgesetzt musste und wollte ich allein mit den Konsequenzen zurechtkommen, und für eine Nacht im Hotel langte das Geld ja noch. Was danach sich sollte anschließen, verdrängte ich fürs Erste. Darüber sich Gedanken zu machen war nach dem nächsten Sonnenaufgang Zeit genug.

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Liebe Anna, lang nichts geschrieben. ;) Gab ja auch nichts, was es wäre wert gewesen und nicht sowieso schon im Text stand. Doch die letzten Tage … Und das Wetter ist so fein. Wenn ich nur wieder meinen Hintern auf das geliebte T700 schwingen könnte. Das muss doch irgendwo sein? Schau, ich muss doch auch ein bisschen Geld dazu verdienen, bis meine Ausbildung beginnt. Radfahren und die Leute mit Post beglücken, sowas in der Art. Also, guckt doch mal alles durch, ich bin mir sicher, dass es sich da irgendwo versteckt! Liebe Grüße

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Bis zuletzt war Thomas die angekündigte Räumung als etwas nahezu völlig Unmögliches erschienen. Immer die Hoffnung, etwas möge doch passieren bei all dem Gehörten in letzter Zeit. Irgendetwas musste doch passieren in letzter Sekunde, was diesen unwürdigen Abgang aus seiner Wohnung würde verhindern. Doch als er schließlich kurz vor acht einen Blick aus dem Treppenhaus vor die Haustüre geworfen und dort einen LKW samt Leuten eines Umzugsunternehmens hatte stehen sehen, zu denen kurz darauf sich auch ein Mann vom Schlüsseldienst hinzugesellt, da brauchte es die ernüchternde Bestätigung durch den Herrn mit Aktentasche schon fast nicht mehr. Frisch und munter sich begrüßt waren sie bald zur Haustüre gegangen, hinter der er, nun bereits die Treppe hinuntergestiegen, mit seinem des Abends zuvor aus einem leisen Zweifel heraus doch noch gepackten Rollkoffer gestanden. Die Schlüssel lose in der Hand gehalten und noch einmal tief durchgeatmet hatte er zwar festen Griffes, doch voll innerer Aufruhr geöffnet mit der Absicht, wortlos sie zu überreichen und einfach zu verschwinden in diesen dreißigsten März, dessen Zeitspanne von Stunden ihm des Abends dann wie die einer nahezu ganzen Woche war vorgekommen.

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Auf meinem eben erwähnten Balkon nun ergab sich zuweilen etwas ganz Eigenartiges. Von ihm aus war eine weite Anlage aus Schrebergärten zu sehen, nur teilweise verborgen durch drei kerngesunde Fichten, die einige Meter von der Brüstung entfernt sich kerzengerade und mit weit ausladenden Ästen gen Himmel streckten. Die Sicht vor allem nach rechts war versperrt, und gerade aus dieser Richtung nun drangen des Öfteren recht deutlich vernehmbare Stimmen zu mir herüber, trat ich auch nur auf eine Zigarette hinaus. So ergab es sich beispielsweise eines Tages, als ich mit einem Lesegerät für E-Books mich in einen draußen stehenden Stuhl wollte setzen, dass glasklar der Kommentar mir zu Ohren kam: „Ein Tablet hat der wohl auch!“ Zwar hielt ich da kein Tablet in der Hand, doch stellte sich mir die Frage, wie es denn sein konnte, dass ich von jenen Leuten keinen Zipfel habe gesehen, allerdings das meinige Erscheinen samt solchen Details ihren Augen keineswegs im Verborgenen war geblieben? Unheimliche Ahnungen begannen da, ihr Unwesen zu treiben. Zu Haus, in den eigenen vier Wänden? Überhaupt hatte ich das Gefühl, als redeten und urteilten nicht nur diese Leute, sondern welche sich auch anderswo in den Gärten befundene in einer bisweilen solch hässlichen Art, dass ich mir auf dem eigenen Balkon zunehmend vorkam wie an den Pranger gestellt und aus diesem Grunde mein Handy nicht nur einmal eine Nachricht gen Anna durch den Äther funkte.

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